Licht und Dunkelheit

Platon’s Höhlengleichnis – ein Schlüssel auch zum Verständnis unserer Zeit? – Teil 1: Körper und Geist

In seinem vielzitierten Höhlengleichnis beschrieb der griechische Philosoph Platon eine höhlenartige Behausung, von der nur ein steiler und beschwerlicher Gang zur Erdoberfläche führt.

In dieser Höhle sitzen Gefangene, die so gefesselt sind, dass sie nur auf die vor ihnen liegende Wand schauen und einander nicht wahrnehmen können.

Auch den Ausgang und eine halbhohe Mauer, die sich hinter ihren Rücken befinden, können sie nicht sehen und wissen auch nichts von deren Existenz. Sie nehmen jedoch das Licht eines aus großer Ferne über die Mauer leuchtenden Feuers wahr, über dessen Ursprung sie jedoch auch nichts wissen.

Hinter der Mauer werden unterschiedliche Gegenstände hin- und hergetragen, z.B.  Nachbildungen menschlicher Gestalten und anderer Lebewesen aus Stein und aus Holz, ohne dass deren Träger in irgendeiner Form für die Gefangene als solche wahrnehmbar wären.

Sie sehen die Schatten der Gegenstände, die auf die Mauer fallen, schreiben diesen die gelegentlich wahrzunehmenden Stimmen zu und nehmen so die Schatten als Lebewesen war. Alles, was geschieht, deuten sie als Handlungen dieser Lebewesen und betrachten es als Realität.

Es ist allerdings eine willentlich von anderen, im Licht von deren Bewusstsein gestaltete Realität, aus der es für die Gefangenen dem Anschein nach kein Entrinnen gibt.

Bis es ihnen gelingt, die Fesseln ihres inneren „Glaubens-“Gefängnisses zu sprengen, sich umzudrehen, aus der Höhle herauszutreten und die wirklichen Zusammenhänge, die die Grundlage ihres Weltbildes bildeten, nach und nach wahrzunehmen.

Natürlich wäre jeder, dem dies gelingt, erst einmal stark verwirrt und geblendet und hätte vielleicht auch das Bedürfnis, sich lieber dem Altbekannten wieder zuzuwenden und das Neue und Ungewohnte erst einmal als irreal abzulehnen. Auch die wohlgemeinten Erläuterungen eines möglichen Befreiers würden eher als „Unsinn“ abgelehnt und vielleicht sogar recht heftig abgewehrt.

Zugrunde liegt dem ein Vorgang, der in der heutigen Psychologie als „kognitive Dissonanz“ bezeichnet wird.

Ein eigentlich ganz natürlicher Vorgang, der uns Menschen davor schützt, im sprichwörtlichen Sinne „den Verstand zu verlieren“, wenn wir plötzlich mit einer Vielzahl von neuen Informationen und auch Sinneseindrücken konfrontiert werden.

Wie wir inzwischen aus der Neurobiologie lernen konnten, stehen in unserem Gehirn nämlich nur diejenigen Bereiche zur Informationsaufnahme und -verarbeitung zur Verfügung, die regelmäßig genutzt werden. In diesem Falle wäre jemand, der die Höhle plötzlich verlässt z.B. gar nicht in der Lage, das Licht des Feuers in seiner ganzen Kraft wahrzunehmen und zu „verarbeiten“, d.h. in sein bisheriges Weltbild einzuordnen. Und würde sich so vermutlich erst einmal irritiert und vielleicht auch voller Angst in zugleich mehrfacher Hinsicht abwenden (müssen).

Und er müsste sich erst einmal nach und nach an die neuen Umfeld-Bedingungen gewöhnen, und zwar in dem Maße, wie sein Körper in der Lage ist, entsprechende neue synaptische Verbindungen im Gehirn zu bilden. Was bei jedem Menschen in Abhängigkeit von einer Vielzahl von Faktoren durchaus unterschiedlich lang dauern kann. Das Stichwort ist hier die „Neuroplastizität“.

Aus meiner Sicht ein wunderbares Beispiel für die enge Verzahnung von Körper und Geist.

Können wir nun selbst etwas tun, um z.B. unsere eigene Neuroplastizität zu fördern, d.h. vermögen wir unsere Flexibilität für eine Anpassung an neue Umfeld-Bedingungen durch eigenes Handeln zu steigern?

Die gute Nachricht an dieser Stelle lautet eindeutig „ja“!

Und zwar indem wir beginnen, im Alltag darauf zu achten, wann immer wir eine Art „Abwehrreflex“ in uns verspüren, also auf einen inneren Widerstand stoßen. Und uns dann selbst Zeit und Raum geben, hier einmal genauer hinein zu spüren, woher unser Unbehagen wohl kommen mag.
Dies können wir am besten in einem Zustand der Entspannung tun, vielleicht bei einem Spaziergang in der Natur oder einem Wellnessbad am Abend oder Wochenende, was immer uns guttut.

Und vielleicht entdecken wir ja, dass es eine an sich unbegründete Angst vor etwas ist, was wir bisher einfach noch nicht kennen. Oder wir entdecken einen Aspekt von uns selbst, den wir bisher noch nicht kannten.

Wenden wir uns also unseren eigenen Schatten zu, nehmen sie wahr und als das an, was sie sind. Und wenden uns so auch mehr und mehr bewusst unserem eigenen Licht zu, indem wir unseren Körper und unseren Geist immer mehr in Einklang bringen!