Stille

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Warum fällt es so vielen Menschen so schwer Stille auszuhalten?

Vielleicht weil sie Stille gewohnheitsmäßig als „die Stille vor dem nächsten Sturm“ betrachten“? Weil sie vielleicht gar nicht gelernt haben, wie wohltuend es ist, sich einmal voll und ganz in Stille „niederlassen“ zu können? Weil unser Umfeld zumeist mit allem möglichen Lärm angefüllt ist und die meisten von uns in so einem Umfeld aufgewachsen sind, sodass sich dies einfach vertraut anfühlt?

Wie auch immer dies sei, fest steht jedenfalls, dass alle unsere Sinne und auch unser Körper und damit auch unsere Psyche immer wieder Zeiten der Stille benötigen, um sich regenerieren zu können. Gerade, um dem nächsten – sei es nun inneren oder äußeren – Sturm in sinnvoller Weise begegnen zu können.

Nur in der Stille finden wir hinreichenden Raum, um unser Nervensystem wieder beruhigen zu können, ihm sozusagen „beizubringen“, dass nach jedem Sturm auch wieder Stille einkehren wird und unser Leben dann, wenn wir verstehen, diesen Prozess sinnvoll für uns zu durchleben, auf eine bereicherte Weise weitergehen wird.

In früheren Zeiten gab es hierfür zahlreiche Übergangsrituale, die sowohl an den natürlichen Jahresrhythmus (Stichwort: Jahreskreisfeste), die natürlichen Übergänge in unser aller Leben (Stichworte: Geburt, Adoleszenz, Versterben) und auch unser Verhältnis zu Kräften, die größer sind als wir Menschen selbst (Stichwort: Naturkatastrophen) orientiert waren.

Diese Rituale sind im Laufe der Zeit in unseren modernen Kulturen leider – bis auf einige „Reste“ – verlorengegangen.

Denn wenn wir die Verbindung, das tiefe Wissen darum, warum diese Rituale ursprünglich durchgeführt wurden, verloren haben und auch nicht selbst erfahren können wie diese wirken haben wir natürlich auch keine Motivation, diese fortzuführen u/o wiederaufleben zu lassen.

Nehmen wir als anschauliches Beispiel einmal den ursprünglichen Fasching. Er diente an sich dazu, die in der dunklen Jahreszeit – mit wenig Licht und kaum frischer Nahrung – entstandenen „bösen Geister und Schatten“ zu vertreiben. Um Raum zu schaffen für einen Neubeginn in jeder Hinsicht. Hier wurde also ganz bewusst und gezielt gemeinsam Lärm verursacht, um sich wieder für den Neubeginn des Lebens im Frühjahr öffnen zu können.
Heute bezeichnen wir die „bösen Geister und Schatten“ als Winterdepression und Ähnliches . Und wenn wir uns anschauen, wie heutzutage Karneval gelebt wird, insbesondere hier in Deutschland, dient dies eher einem nur kurzfristigen Spannungsabbau als einer bewussten Gestaltung unseres Lebens im Einklang mit natürlichen Prozessen.

Die sich anschließende Fastenzeit, die zuvor der rituellen inneren Reinigung unseres Körpers diente und die – wie wir heute wissen – auch für unsere Psyche wichtig ist, ist vielfach zu einem Auskurieren des „Faschingskaters“ verkommen.
Die an sich beabsichtigte sanftere Entleerung unseres Organismus um Raum zu schaffen für die Aufnahme neuer, lebensförderlicher Nährstoffe, die nun wieder ganz natürlich zu wachsen beginnen, geschieht hier zwar auch oftmals, allerdings schon im Karneval und auf eine für alle Beteiligten wenig erquickliche Weise…

Was können wir nun tun? Nun, die verbliebenen „Reste“ in unserer Kultur sind z.B. Gebet und Meditation.

Diese können wir für uns – völlig unabhängig von Glaubensfragen und ~zugehörigkeit – als sinnvolle Rituale in unserem Alltag verwenden, um unser Nervensystem immer wieder neu in einen Ruhezustand zurückzuholen. Und so können wir in jeder neuen und für uns belastenden Situation mehr und mehr von dieser Quelle zehren. Damit wir nicht Opfer unserer eigenen angesammelten Übererregung werden, die wir dann vielleicht unbewusst auf andere richten, um uns selbst zu entlasten. Und dabei selbst vielleicht den nächsten interpersonellen Konflikt entzünden oder verstärken.

Auch wenn wir Gebet und Meditation oftmals allein für uns ausüben, so sind wir auch hierbei aufeinander angewiesen. Denn gerade zu Beginn werden auch wir die äußere Stille benötigen, um uns auf das Wesentliche besinnen zu können. Respektieren wir dieses Bedürfnis also auch bei anderen und geben wir einander den hierfür so not-wendigen Raum.

Und so wird immer und immer wieder auch Einigung möglich, wo zuvor nur Konflikt herrschte.